Mut zur Nachhaltigkeit

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„Alle Menschen sind bereit, das Unglaubliche zu tun, wenn ihre Ideale bedroht werden. Aber keiner ist da, wenn ein neues Ideal, eine neue, vielleicht gefährliche und unheimliche Regung des Wachstums anklopft.“

Hermann Hesse

Durch den derzeitigen coronabedingten Shutdown wird uns Künstler*innen gerade die Möglichkeit genommen uns mit unseren Kolleg*innen sowie euch, unserem Publikum, in unserem gewohnten analogen Raum auszutauschen. Als Theaterschaffende sind wir auf diese Begegnungen angewiesen. Unser Beruf ist Kunst zu machen und wenn wir darin gut sein wollen, dann müssen wir uns austauschen und mit und voneinander lernen.
Die ersten Wochen der Kontaktsperre zeigen, dass viele Ideen vorhanden sind die neuen digitalen Möglichkeiten zu nutzen. Das mit den Zoom-Meetings funktioniert doch schon ganz gut und die Qualität der Videos und Podcasts nimmt auch stetig zu. Und das nach nur sechs Wochen.

Den Inspirationsschub und die Fantasie jeder*jedes Einzelnen finde ich beachtlich. Ich frage mich, was werden wir gelernt haben in dieser Zeit, und wie werden wir das Neu erlernte anwenden? Wie verändert werden die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sein, wenn wir wieder spielen können? Wie können wir überhaupt weiter produzieren, in einer sich anbahnenden Wirtschaftskrise?

In Zeiten von begrenzten Ressourcen wird Nachhaltigkeit zur Schicksalsfrage für die Stadt- und Staatstheater werden. Der Anspruch an Effizienz wird auch an unseren unterfinanzierten Theaterbetrieben nicht dauerhaft vorbei gehen können. Als Bühnenbildnerin, beschäftige ich mich schon seit einiger Zeit damit, wie wir unsere Bühnenbildproduktion nachhaltiger gestalten könnten. Und ich denke, dass die Notwendigkeit dieser Beschäftigung jetzt noch weiter zunehmen wird.

Wenn wir über Solidarität sprechen, sollten wir uns dann nicht auch mit der Solidarität gegenüber unseres Planeten beschätigen?

Zurzeit wird viel darüber berichtet, dass Corona der Umwelt guttut. Zumindest kurzfristig, ist der Verkehr reduziert, die Industrieprozesse, sowie der Konsum eingeschränkt, die Büros verwaist. Insgesamt lassen sich die Messwerte von Luftqualität und Treibhausgasen erst über einen längeren Zeitraum sinnvoll erfassen. Dennoch liegt es nahe, dass der Verzicht, einen momentanen Effekt auf unsere Umwelt hat. Anstatt darauf zu warten, dass wir unseren Betrieb wieder hochfahren können, wir wieder in den Zug steigen für diverse Dienstreisen, unser Berufsleben also so weiterführen, wie wir es gewohnt sind, wäre es wohl angebracht sich zu fragen, wie sich unsere derzeitige Lebensweise auf den Zustand unserer Umwelt auswirken könnte.

Was bedeutet das für mich als Theaterschaffende?

Wenn man einen Blick hinter die Theaterbühne wirft, sehen wir eine Vielfalt an Gewerken, die für die Anfertigung der Bühnenbilder zuständig sind.
In diesen Gewerken entstehen große Bühnenteile, die auch große Effekte bringen. In der Schlosserei werden zum Beispiel Stahlgerüste geschweisst, die eine große Anzahl an Scheinwerfern tragen können. Die große Holzbrücke, die über den Höllenschlund zur Mattisburg führt, wird in unserer Schreinerei angefertigt. Im Malersaal werden realgetreue Oberflächen gemalt, sodass man zum Beispiel gemalte Fliesen von echten nicht unterscheiden kann. Ähnliche Beispiele könnte ich für die Plastiker*innen, Schuhmacher*innen, Maskenbildner*innen usw. nennen. Jeder einzelne Bühnen- und Kostümbildentwurf wird hier neu produziert! Lagerfläche zur Aufbewahrung der Teile ist jedoch wenig vorhanden. Aus diesem Grund kann kaum ein abgespieltes Bühnenteil eingelagert werden und landet am Ende auf dem Müll.

Schaue ich jedoch die Produktionen der deutschsprachigen Theater an, beobachte ich häufig, dass uns Austatter*innen oder unseren Regisseur*innen die gleichen Texte auf ähnliche Weise inspirieren und anregen. Moliere spielen wir in quitschig, bunten, Barockkostümen, den jelinekschen Chören verpassen wir Uniformen, Hamlet suhlt sich in Blut und Erde oder wenn die Fantasie überhaupt nicht mehr reicht, lassen wir die gesamte Belegschaft auf Laufbändern an ihre körperliche Grenzen kommen. Wenn der Bedarf sich doch so ähnelt, läge es nicht nahe sich die vorhandenen Ressourcen zu teilen? Ich frage mich, wäre es nicht nachhhatiger, wenn wir mehr in Lagerung und Katalogisieren der Bauteile investieren würden, um diese möglicherweise sogar theaterübergreifend wiederverwenden zu können? Doch selbst, wenn man gewillt ist, bereits vorhandene Mittel für den eigenen Entwurf zu verwenden, steht man vor dem Problem, dass niemand einen Überblick über die Objekte hat, die im Theater schon vorhanden sind oder verbaut wurden. Wenn man dann darauf zurück greifen möchte, ist es ein enormer Aufwand für uns Austatter*innen diese zu finden.

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Was unsere Generation wirklich gut kann, ist über Distanzen schnell und detailliert zu Kommunizieren. Die digitale Vernetzung bietet uns die Chance Datenbanken oder Online-Kataloge zu vorhandenen Mitteln anzulegen. Ist es vielleicht möglich, dass wir uns theaterübergreifend in Gruppen zusammenschließen, und anstatt uns gegenseitig überbieten zu wollen und Wegwerfprodukte zu erzeugen, ein nachhaltiger Austausch über vorhandene Materialien statt finden kann. Das cradle-to-cradle-Prinzip zum Beispiel ist ein Ansatz für eine durchgängig konsequente Kreislaufwirtschaft. Dabei geht es darum eine neue Verwendung für bereits verbaute Ressourcen zu finden. Ein Prinzip, dass meiner Meinung nach sehr simpel auf das Theater anzuwenden wäre. Nützlich wäre zum Beispiel, dass es ein digital abrufbares Register der Bühnenteile gäbe, auf dass alle Theater zugreifen könnten.

So könnten auch andere weniger gut ausgestattete Theater oder freie Gruppen darauf zugreifen. Meterweise Stoffbahnen, Große Holzflächen, malerisch bearbeitete Prospekte. All das könnte wieder Verwendung finden. Optimalerweise wäre die Voraussetzung dafür, die fantasievolle Veränderung dieser Ressourcen. Sodass daraus wieder ein neuer, eigener Entwurf entsteht.

Zunächst einmal müsste man natürlich die logistischen Abteilungen aufstocken. Wenn wir also überlegen, dieses Prinzip des digitalen Katalogs erstmal in Hannover und der Region anzuwenden, wäre es notwendig einen Ort zu finden, an dem wir unsere Ideen sammeln. Es müssten Mitarbeiter*innen eingestellt werden, die sich um die katalogisierung kümmern. Und auch in der Spedition bedarf es einer Aufstockung. Optimalerweise können wir dieses Prinzip irgendwann bundesweit anwenden.

Das analoge Erleben fordert Opfer. Nämlich solche aus Holz, Metall oder anderen Rohstoffen. Wir bauen Woche für Woche riesige Bühnenbilder. Unsere Werkstattkapazitäten schrumpfen, denn es wird an Arbeitskräften gespart. Während versucht wird, die Ressource Mensch mit Blick auf die im Theater ohnehin sehr hohen Personalkosten so gering wie möglich zu halten, wachsen unsere fantastischen Vorstellungen, wie das analoge Erleben stattfinden sollte. Wir sind der Meinung, um in der Welt der massenhaften Unterhaltungsangebote mithalten zu können, muss unser Medium etwas großes bieten.

In diesen Zeiten der Quarantäne befinden wir uns im Stillstand. Und wir wissen alle, dass dieser Stillstand natürlich Auswirkungen auf unsere Wirtschaft haben wird. Doch denken wir kurz darüber nach, ob wir zurückwollen, zur Massenerzeugung und Schnelllebigkeit. Hier liegt meiner Meinung nach eine Chance. Die Wirtschaftskrise könnte uns dabei helfen unsere Produktionsbedingungen zu überdenken und letztendlich tatsächlich zu verändern. Doch um dies umsetzen zu können müssten wir zunächst einmal auf Dauer digitaler werden. Wir müssten uns für neue Arbeitsweisen öffnen und endlich anfangen zeitgemäß und nachhaltig zu entwerfen, ohne uns in unserer künstlerischen Freiheit eingeschränkt zu fühlen. Natürlich ist das eine Frage der Investition. Doch worin ist besser investiert, als in Menschen mit dem gewissem Know-How. Eine besser ausgestattete Logistik, nicht nur -aber auch- digital.

Der Lyriker und Aktivist Stephane Hessel wünscht in seinem Essay „Empört euch“ allen jungen Menschen einen Grund zur Empörung, um die eigenen Gedanken voranzutreiben und den Mut aufzubringen sich selbst und die Umwelt zu verändern. Wir alle können und sollten uns besinnen und den Mut haben Veränderung voranzutreiben, wenn der Lappen wieder hoch geht.

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